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Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie

Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen
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Analyse der Dolchmesserfunde aus Ostpreußen (abgeschlossen)

Dr. Jaroslaw Prassolow

Typologisch-chronologische Studie zu völkerwanderungszeitlichen Dolchmessern in der südöstlichen Region des Ostseegebietes

 
Das Forschungsprojekt stellt eine Promotionsarbeit dar, die bereits 2011 abgeschlossen wurde und momentan in eine monographische Publikation umgearbeitet wird. Der inhaltliche Schwerpunkt des Projekts lag im Erfassen sämtlicher Funde einer der markantesten Formen der völkerwanderungszeitlichen Bewaffnung in der süd-östlichen Ostseeregion (ehem. Ostpreußen, modernes Kaliningrader Gebiet Russlands) – der sogenannten Dolchmesser, sowie der relevanten Dokumentation und ihrer anschließenden vergleichenden Analyse und vielseitigen Auswertung.
Der alten deutschen und der späteren sowjetischen bzw. russischen Fachliteratur sowie den Archivalien der vor- und nachkriegszeitlichen Forschungsperioden in der Region sind mehrere Erwähnungen der Dolchmesserfunden zu entnehmen, doch weder in der Vorkriegszeit, noch nach 1945 wurde eine konsequente, geschweige denn den modernen Forderungen entsprechende Studie dieser Waffen durchgeführt, was die Aussagekraft dieser Funde in vielen Forschungsfragen wesentlich vermindert.               

Dolchmesser

Abb. 1. Eine der klassischen Darstellungen von Dolchmessern in den Sitzungsberichten der Altertumsgesellschaft Prussia, B. 21 (nach Bezzenberger 1900, S. 141).

Vor allem blieben der Ursprung, die Genese und die Typologie der Dolchmesser bisher wenig erforscht. Die Dolchmesser, eine lokale Sonderform, die fast ausschließlich auf ostpreußischem sowie litauischem Gebiet ab Ende des 4. bis in die Mitte des 6. Jhs. verbreitet war, wird in der Literatur als ein Produkt des technologischen und waffenkundlichen „Know-how“-Imports dargestellt. Es wurde bisher angenommen, dass diese Waffenart ihr Entstehen den Einflüssen aus dem Donauraum zu verdanken hat bzw. dass sie in ihrer voll entwickelten Form von den Veteranen der sog. „hunnischen Kriege“ auf ihrem Heimkehrweg mitgebracht wurde.

Dieser an sich interessanten und sich in der Literatur durchgesetzten Theorie lagen allerdings bisher keine seriösen archäologischen Nachweise zugrunde, was z. T. mit den Besonderheiten der Forschungsgeschichte der Region zusammenhängt. Erst vor kurzer Zeit ist mit dem Wiederauffinden der alten musealen und Archivbeständen eine Möglichkeit entstanden, die Arbeitsergebnisse der beiden Forschungsperioden zusammenzuführen und eine statistisch signifikante Zahl der Dolchmesser in ihrem Inventarkontext vergleichend zu analysieren.

Diese bisher nicht wahrgenommene Möglichkeit wurde im Rahmen des aktuellen Projektes realisiert. Als Arbeitsgrundlage für diese Analyse dienten vor allem die aktuell in mehreren europäischen Ländern verstreuten umfangreichen Bestände der wiedergefundenen Königsberger „Prussia“-Sammlung, aber auch Funde aus den Sammlungen russischer und litauischer Museen, Grabungsberichte, museale Dokumentation, private Archive und Publikationen beider Forschungsperioden in der Region. Die aus den sämtlichen vorhandenen Quellen gewonnenen Angaben zu den bekannten Dolchmesserfunden sowie zu den relevanten Grabkomplexen wurden in einer erstmals in der Forschungsgeschichte der Region entwickelten Datenbank gesichert und anschließend ausgewertet.

 

Shossenjoe

Abb. 2. Inventare zweier Kriegerbestattungen vom Gräberfeld Schossejnoe/Maulen im modernen Kaliningrader Gebiet Russlands (nach Prassolow 2010, im Druck).

Die auf diesem Weg erreichten Auswertungsergebnisse der Funde und Bestattungskomplexe werfen ein ganz neues Licht auf die Dolchmesserproblematik. So wurden in der Fachliteratur bisher vorwiegend die vollentwickelten Exemplare der Dolchmesser abgebildet, sodass ein täuschender Eindruck der morphologischen und daher auch typologischen Einheitlichkeit dieser Fundart entstand, während nach der aktuellen ausführlichen Untersuchung mehrere Dolchmessertypen mit Typvarianten identifiziert werden konnten. Es konnte anschließend auch nachgewiesen werden, dass die ganze typologische Entwicklung der Dolchmesser von ihren Prototypen – Kampfmessern der Jüngeren Römischen Kaiserzeit, über die Übergangsformen zu den vollentwickelten „klassischen“ Dolchmesserformen auf lokalem Boden stattgefunden hat.

Die entwickelte Typologie sowie die gelungene Rekonstruktion der Genese von Dolchmessern stellen keinen engspezifischen waffenkundlichen Forschungsaspekt dar, sondern haben auch eine große Bedeutung für die Rekonstruktion der sozialen Stellung und der ethnokulturellen Herkunft ihrer bestatteten Besitzer, sowie der in der Region und auch weiter im ganzen Ostseegebiet in der Völkerwanderungszeit verlaufenden soziohistorischen Prozesse.

Diese und weitere Forschungsergebnisse werden demnächst den Fachkollegen aber auch allen Interessenten in Form einer Monographie präsentiert.

 

Eine Auswahl der Dolchmesser aus den Beständen der

Abb. 3. Eine Auswahl von Dolchmessern aus den Beständen der Königsberger Sammlung "Prussia". Moderner Aufbewahrungsort: Museum für Vor- und Frühgeschichte, Berlin, Schloss Charlottenburg. Foto des Autors.

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