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Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie

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Februar 2019

Die wikingerzeitliche Besiedlung von Wiskiauten

 

Annika Sirkin

Die Ausgrabungen in Wiskiauten/Mochovoe (Kaliningrader Gebiet, Russland), die von 2005 bis 2011 in deutsch-russischer Kooperation1 unter der Leitung von Dr. Timo Ibsen (ZBSA) stattfanden, knüpfen an Forschungsfragen und -tätigkeiten an, die bereits vor über 150 Jahren in Ostpreußen ihren Anfang nahmen.

map Kaliningrad

Der Fundort Wiskiauten (heute Mochovoe) liegt nahe der Ostseeküste im Kaliningrader Gebiet, Russland.

Als 1865 Oberleutnant Wulff, der eigentlich auf der Suche nach einem Schlachtfeld war, im Wäldchen „Kaup“ Waffen und Pferdeausrüstung fand, begriff er, dass er ein sehr reiches Gräberfeld entdeckt hatte. Durch die Veröffentlichung seiner Funde erlangte der Fundplatz rasch große Bekanntheit unter den Freunden der Altertumskunde. Bis zum Zweiten Weltkrieg folgten zahlreiche Ausgrabungen, allerdings nur im Gräberfeld, obwohl in dessen Umfeld eine Kolonie oder Ansiedlung von Kriegern aus dem heutigen Schweden oder Dänemark vermutet wurde. Die prächtigen Grabbeigaben wurden in der Prussia-Sammlung des Königsberger Schlosses ausgestellt, kamen jedoch in den Wirren des Krieges viele Funde und Teile der Dokumentation abhanden und können heute nur mit großer Mühe rekonstruiert werden.

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Ein Schwertknauf aus Bronze mit Silberauflage aus der Siedlung. Rechts: ein Vergleichsfund aus dem Gräberfeld „Kaup“

Heute wissen wir, dass neben einzelnen Gräbern bereits aus der Steinzeit, die Hauptnutzungszeit des Gräberfeldes das 8.–11. Jahrhundert n. Chr. war und es somit in die Wikingerzeit beziehungsweise in das Mittelalter gehört. Spezifika des Gräberfeldes sind etwa die in der prußischen Region als fremdartig anzusehenden Grabhügel, die Kombination mit Flachgräbern, eine Niederlegung der Toten sowohl in verbranntem als auch unverbranntem Zustand, die üppig ausgestatteten Pferdebestattungen und nicht zuletzt die prachtvollen Grabbeigaben. Unter letzteren sind viele, die eindeutig skandinavischen Ursprungs sind, einige Gewandspangen kommen vermutlich von Gotland.

Amber

Bei der Siedlungsgrabung wurde Bernstein in seiner Rohform, aber auch zu Perlen verarbeitet gefunden.

Schon vor dem Krieg tauchte die Frage nach der zum Gräberfeld gehörigen Siedlung immer wieder in der ostpreußischen und später auch in der sowjetisch/russischen Forschung auf, klare Antworten konnten allerdings erst die in der Doktorarbeit des Ausgräbers vorgelegten Ergebnisse liefern, die 2010 unter dem Titel „Etwa hier die Siedlung. Der frühmittelalterliche Fundplatz Wiskiauten/Mohovoe im Kaliningrader Gebiet im Lichte alter Dokumente und neuer Forschungen“ erschien. Darin analysierte T. Ibsen den ersten Teil der Ausgrabungen im Umfeld des Gräberfeldes, die von 2005 bis 2008 erfolgten. Derzeit widmet sich A. Sirkin in ihrem Dissertationsprojekt dem zweiten Teil, den Kampagnen von 2009 bis 2011.

Zu Beginn der Grabungen weckte der Reichtum des Gräberfeldes die Hoffnung, einen überregionalen Handelsplatz oder gar ein frühstädtisches Zentrum, wie etwa Haithabu aufdecken zu können. Nach und nach zeichnete sich jedoch ab, dass es sich vielmehr um ein Netzwerk aus kleinen Siedlungen handelt, das bereits vor Ankunft der Skandinavier bestand. Letztgenannte kamen scheinbar ohne kriegerische Absichten hinzu und integrierten sich in die Gemeinschaft – vor allem wohl, um Handel mit Bernstein zu treiben, denn noch heute gilt das Samland als eine der bernsteinreichsten Gegenden überhaupt.

excavation

Öfen und Feuerstellen gehören neben Brunnen und Pfostengruben von Hauskonstruktionen zu den wichtigsten Siedlungsbefunden.

Noch immer ist zu vermuten, dass im weiteren Umfeld ein frühmittelalterliches Zentrum des Handels gelegen haben muss. Welcher Art die Zusammenhänge zwischen den entdeckten Kleinsiedlungen und dem Gräberfeld sowie dem anzunehmenden Zentrum waren, auch wie sie auf die gesamte Region wirkte, ist Gegenstand aktueller und zukünftiger Forschungsfragen.
Gefördert wird diese Arbeit in Form eines Dissertationsstipendiums durch die Akademie der Wissenschaften und Literatur, im Rahmen des an das ZBSA angebundenen Projekts „Forschungskontinuität und Kontinuitätsforschung –Siedlungsarchäologische Grundlagenforschung“.

1 in Zusammenarbeit zwischen dem ALM Schleswig in der Stiftung Schleswig-Holsteinischer Landesmuseen Schloss Gottorf und der Baltischen Expedition des Archäologischen Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften Moskau.

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