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Der Hafen von Haithabu

— abgelegt unter:

Dr. Sven Kalmring

Mit der Entwicklung zu festen frühstädtischen Siedlungen gegen Ende des  9. Jahrhunderts erhöht sich durch eine steigende Einwohneranzahl unter anderem auch die Nachfrage nach alltäglichen Importgütern, die im Fernhandel zunehmend zu einer Verschiebung weg von einem reinen Prestigegut-orientierten Handel zu einem Handel, der auch die Nachfrage nach Massenware berücksichtigte, führte. Der Transport von größeren, schwereren und weniger wertvollen Waren in großen Quantitäten erforderte eine Entwicklung von spezialisierten Handelsschiffen mit größeren Ladekapazitäten.

Hochseehandelsschiff & LandebrückeDiese schwerfälligen Fahrzeuge waren jedoch leicht angreifbar und konnten sich nur unter einem königlich garantierten Schutz auf See entwickeln, der mit Hilfe von reinen Mannschaftsschiffen gewährleistet wurde. Die größeren Ladekapazitäten der bauchigen Frachtschiffe hatten wiederum einen größeren Tiefgang der Fahrzeuge zur Folge, so dass diese an den herkömmlichen Schiffsländen nicht mehr landen konnten. Die Konsequenz aus diesen sich im Frühmittelalter vollziehenden revolutionären Veränderungen hinsichtlich der Urbanisierung, steigenden Einwohnerzahlen, zunehmendem Handelsvolumen und der Entwicklung im Schiffsbau war die Errichtung von Hafenanlagen, die den schweren Handelsschiffen ein schwimmendes Anlegen ermöglichten. Für die größeren Seehandelszentren war die Errichtung von Hafenanlagen ein überlebensnotwendiges Unterfangen, da nur diese langfristig ein Weiterbestehen der frühstädtischen Siedlungen als Handelsplätze sicherstellten.

Grundlage bildet eine Studie im Rahmen einer Dissertation, die von 2003 bis 2008 in das vom Europäischen Sozialfonds geförderte Projekt "High Tech in Haithabu" eingebunden war. Im Frühjahr 2010 wurden die Ergebnisse unter dem Titel „Der Hafen von Haithabu“ als Band 14 in der Reihe „Ausgrabungen in Haithabu“ publiziert. 

Haithabu und Haddebyer NoorDie unter der Leitung von K. Schietzel mit Hilfe eines Spundwandkastens im 1979/80 im Hafenbecken des Seehandelsplatzes Haithabu durchgeführte Ausgrabung diente primär der Bergung eines 1953 entdeckten Wracks, das heute als „Haithabu Wrack 1“ im Wikinger Museum Haithabu ausgestellt ist. Darüber hinaus bot sie –  innerhalb eines im Rahmen einer Forschungsgrabung untersuchten großflächigen Grabungsausschnittes von mehr als 2000 m2 – die seltene Gelegenheit einen detaillierten Einblick in einen der bedeutendsten frühmittelalterlichen Häfen in Nordeuropa zu erhalten. Innerhalb des Bergebauwerkes fanden sich neben einer Vielzahl an gut erhaltenen organischen Kleinfunden auch Teile von sehr regelmäßig gesetzt Pfahlreihen. Aufgrund ihrer Anordnung und ihrem bis in unmittelbare Ufernähe reichenden Verlauf wurden diese Pfahlsetzungen schon bald als Unterbauten von Hafenanlagen gedeutet.

 Jochpfähle Hafenanlagen

 

Als geeignetes Instrument zur Analyse der Grabungsbefunde hat sich ein Geographisches Informationssystem (GIS) erwiesen, mit dem für den Bereich der Hafengrabung nicht nur erstmals sämtliche Befunde, Flächen und Profile in einer Art und Weise vorgehalten werden, dass sie eine adäquate Bearbeitung der Grabung zulassen, sondern auch eine 3D-ähnliche Darstellungsweise ermöglicht, die der Dreidimensionalität der zu bearbeitenden Befunde Rechnung trägt. So können nun Wasserstände simuliert, durch massive Entsorgung von Siedlungsabfällen im Hafenbecken bedingte Verlandungsprozesse nachvollzogen und die Anlegemöglichkeiten der schweren Handelsschiffe überprüft werden. Dies Instrument erlaubt nicht nur die Analyse des Hafens in Bezug auf seine baulichen Einrichtungen, sondern darüber hinaus eine Annäherung an dessen komplexe Funktionalität.

Bereits vor der Entstehung der ersten Hafenbauwerke lässt sich in den Uferbereichen eine differenzierte Entwicklung fassen, die auf eine Nutzung des parzellierten Ufersaumes als einfache Schiffslände schließen lässt, an welcher die Fahrzeuge zunächst auf den flachen Strand aufgezogen wurden. Die Errichtung von Hafenbauwerken selbst setzt gegen Ende des ersten Drittels des 9. Jahrhunderts ein. Als erstes Bauwerk wurde ein befestigter Zugang zur Schiffslände am Ufer des Haddebyer Noors geschaffen, der vorerst lediglich der Erleichterung des Zugangs zu den am Strand aufgelandeten Fahrzeugen diente. Um 865 entsteht südlich dieser ersten Anlage eine ostsüdöstlich orientierte, erste langschmale Landebrücke, die weiter auf das Noor hinaus führte und bereits kleinen Küstenfahrzeugen ein schwimmendes Anlegen ermöglichte. Im Norden der Grabungsfläche entsteht um 886 die erste, breite und massiv gegründete Landebrücke, die planmäßig weit in das Haddebyer Noor hineinreichte und schweren Hochseehandelsschiffen wie Haithabu Wrack 3 ein schwimmendes Anlegen gestattete.

 

Hb Hafen Ausbauphasen

 

 

Überraschenderweise entsprach die sich entwickelnde Bebauung durch Hafenbauwerke jedoch nicht, wie bislang angenommen, zahlreichen Landebrücken, welche rechtwinklig vom flachen Ufer in tieferes Wasser führten und getrennt durch schmale wasseroffene Flächen in dichter Folge nebeneinander lagen. Die Hafenbauwerke wurden vielmehr nach und nach durch kleine Zwischenbauten miteinander verbunden, so dass eine U-förmige Plattform mit einer zentralen langschmalen wasseroffenen Fläche entstand.

Auf die fortschreitende Abnahme der Wassertiefe in Folge der Entsorgung des Siedlungsabfalls im Hafenbecken sowie durch die Größensteigerung der Handelsfahrzeuge, welche einen entsprechend größeren Tiefgang der Fahrzeuge zur Folge hatte, mussten die Hafenbauer noch vor 990 und 1010 mit dem erneuten Ausbau der Hafenanlagen reagieren.

Landebrücke & Wrack 1Mit dem Untergang von Wrack 1 durch ein an Bord ausgebrochenes Feuer und seinem Ende ummittelbar vor den Hafenanlagen, kam der Hafenbetrieb um 1000 keinesfalls zum erliegen. Durch ein gezieltes Abwracken des Fahrzeuges ließen sich die beiden nördlichen Anlagen von See wieder zugänglich machen. Allein an der im Süden gelegenen Landebrücke befand sich der Bug des Fahrzeuges zu weit vom Brückenkopf entfernt, um hier analog verfahren zu können. Um die Nutzbarkeit der Landebrücke wieder herzustellen, musste ein erneuter Vorbau erfolgen, der über das Wrack hinausreichte.

Die aus den einzelnen Hafenanlagen zusammengesetzte hölzerne Plattform von nahezu 1500 m2 Größe scheint sich nicht allein mit den Bedürfnissen der Handelsschifffahrt beziehungsweise über eine intendierte Erleichterung des Warenumschlags zwischen Schiff und Land erklären zu lassen: Wie das reiche Fundmaterial aus dem Hafen belegt, diente sie der frühen Stadt ebenso als ihr Marktplatz. Die Identifikation der Plattformen als Schauplatz des Warenaustausches ermöglicht damit nun auch die Lokalisierung des wirtschaftlichen Zentrums der frühen Stadt.

 

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