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»Etwa hier die Siedlung« – Der frühmittelalterliche Fundplatz von Wiskiauten (abgeschlossen)

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Dr. Timo Ibsen

Wiskiauten/Mohovoe im Kaliningrader Gebiet im Lichte alter Dokumente und neuer Forschungen

 

Die im Februar 2009 abgeschlossene Dissertation beschäftigt sich mit dem frühmittelalterlichen Fundplatz Wiskiauten im ehemaligen Ostpreußen (heute Mohovoe im Kaliningrader Gebiet Russlands). Bereits 1865 entdeckt und seither von zunächst deutschen, nach dem Zweiten Weltkrieg von russischen Archäologen erforscht, zählt Wiskiauten zu einem der wichtigsten frühmittelalterlichen Gräberfelder an der südlichen Ostseeküste.
Die aus den mehr als 500 Grabhügeln des 9. bis 11. Jhs. zutage geförderten Grabbeigaben weisen deutlich auf skandinavische Personen hin, die hier am Fuße der Kurischen Nehrung im bernsteinreichen Samland auf dem Siedlungsgebiet der einheimischen Prussen vermutlich einen Handelsstützpunkt unterhielten. Obwohl das Gräberfeld zunächst von deutscher, seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges von russischer Seite untersucht wurde und als relativ gut erforscht gilt, fehlte lange Zeit eine Gesamtbetrachtung dieser wichtigen Nekropole und vor allem ihres Umfeldes. Denn trotz der 140-jährigen Forschungsgeschichte gelang es nicht, die zugehörige Siedlung eindeutig zu lokalisieren. 
Erst durch die Wiederentdeckung von vorkriegszeitlichen Ausgrabungsdokumentationen aus der ehemaligen Prussia-Sammlung Anfang der 1990er-Jahre und der Initialisierung eines russisch-deutschen Forschungsprojektes mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Jahr 2005 (vgl. hierzu auch Projekt: »Der frühmittelalterliche Fundplatz Wiskiauten / Mohovoe im Kaliningrader Gebiet – Siedlungsarchäologische Forschungen im ehemaligen Ostpreußen«), das sich unter Einsatz naturwissenschaftlicher Prospektionsmethoden unter Leitung des Verfassers mit der Auffindung von Siedlungsspuren beschäftigt, ist in der Dissertation die überfällige Gesamtbetrachtung des Fundplatzes möglich geworden. Unter Einbeziehung von Archivalien und Funden zum Gräberfeld und der Forschungsergebnisse aus den modernen Siedlungsforschungen wird der Fundplatz neu bewertet und das bisherige Bild an vielen Stellen korrigiert.
Eingebettet in eine seit dem Neolithikum bis ins Mittelalter besiedelte Landschaft erreicht die Belegung der birituellen Nekropole, in der nach Auswertung der Grabfunde hauptsächlich Personen mit starken Kontakten nach Birka und Gotland bestattet liegen und die eventuell nach Zusammenbruch der Handelssiedlungen mittelschwedischer und gotländischer Kaufleute und Krieger in Grobina in Lettland 200 km weiter nördlich gegründet worden ist, im 10. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Gleichzeitig zeigt sich ein sprunghafter Anstieg der frühmittelalterlichen Fundstellen in der direkten Umgebung, der mit dem wirtschaftlichen und kulturellen Impuls der Skandinavier und der Anbindung an das wikingerzeitliche Kommunikations- und Handelsnetzwerk der Ostsee in Zusammenhang stehen dürfte. Durch Einsatz von geophysikalischen Prospektionsmethoden, naturwissenschaftlichen Datierungen und geologischen Bohrungen sowie insgesamt 20 kleinräumigen Ausgrabungen ergibt sich nach Auswertung der bisherigen Grabungsergebnisse in der Zusammenschau das Bild einer wesentlich früher beginnenden und wesentlich länger andauernden Besiedlungstätigkeit im Umfeld der großen Hügelgräbernekropole von Wiskiauten, als dies bislang angenommen wurde. Die seit Projektbeginn nachgewiesenen Siedlungsspuren lassen vermuten, dass bereits im 6. nachchristlichen Jahrhundert mehrere kleinere Siedlungen in der Nähe eines heute verlandeten Binnensees mit Anbindung an die Wasserwege des Kurischen Haffes und der Ostsee bestanden. Sie lassen sich den einheimischen Prussen zuordnen. Zwischen dem 9. und 11. Jh. partizipieren skandinavische Siedler und Händler am Siedlungsgeschehen. Die anhand von Ausgrabungsfunden schlaglichtartig sichtbaren überregionalen Handelskontakte bleiben auch nach Abzug der Skandinavier nach der Mitte des 11. Jhs. in der nunmehr wieder rein prussischen Siedlung bestehen.
Trotz der erweiterten Forschungsergebnisse lässt sich die Frage, inwieweit Wiskiauten tatsächlich als der vermutete Handelsplatz fungierte, als der er in der Literatur angesprochen wird, derzeit nicht abschließend beantworten. Zwar zeigt er mit den skandinavischen Grabfunden, seiner Größe zwischen 6 und 12 Hektar, seiner geschützten Naturhafenlage und den bislang aus den Siedlungsgrabungen bekannten Befunden und Funden ansatzweise Merkmale frühmittelalterlicher emporia, der Forschungsstand reicht aber für eine abschließende Bewertung nicht aus. Die strategisch günstige Position am Schnittpunkt der land- und wasserbezogenen Verkehrswege über die Kurische Nehrung in der Nähe des früheren Memelausflusses in das Kurische Haff und der damit verbundenen Kontrolle über den Handel mit dem in der Region reichlich vorkommenden Bernstein sowie die Existenz der skandinavisch geprägten Nekropole lassen weiterhin einen Knotenpunkt im überregionalen Kommunikations- und Handelsnetzwerk der Wikingerzeit vermuten.

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