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Halle und Herrschaft (abgeschlossen)

— abgelegt unter:

Dr. Lydia Carstens (Klos)

Zur symbolischen Bedeutung der Halle im frühgeschichtlichen Nordeuropa

 

Rekonstruierte nordische Halle. Nach Valtyr Gudmunsson, Den islandske Bolig i Fristadstiden (nach Olrik, Nordisches Geistesleben)

 

Die Erforschung von Hallen ist eng mit der sogenannten Zentralplatzarchäologie verbunden, die es sich unter Verweis auf geographische Forschungsansätze (Christaller 1933) zum Ziel setzt, Netzwerke benachbarter Herrschaftssitze nachzuweisen (Steuer 2007). Die im Rahmen derartiger Untersuchungen rekonstruierten Machtzentren sind archäologisch in Teilabschnitten von der Bronzezeit bis zum Mittelalter (ca. 1800 v.Chr.–1500 n.Chr) nachzuweisen und anhand ihrer zentralörtlichen Aufgaben einzuteilen. Eine Aufstellung von Zentralplatzindikatoren findet sich beispielsweise bei Fabech (Fabech 1997, Abb. 3) oder Helgeson (Helgeson 1998 Tab. I und II). 

Die Entdeckung einer kaiserzeitlichen Halle im dänischen Gudme und zeitgleich eine wikingerzeitliche Halle im nordnorwegischen Borg intensivierten die skandinavischen Forschungen ab dem Ende der 1980er Jahre (Østergaard Sørensen 1994; Stamsø Munch et al. 2003). In der Folgezeit wurden zahlreiche weitere Hallen in Schweden (z.B. Uppåkra, Slöinge, Helgö), Norwegen (z.B. Forsand, Borre) und Dänemark (z.B. Tissø) freigelegt. Dies führte wiederum dazu, dass man sich auch bereits untersuchten und historisch bekannten Fürstensitzen erneut in der Hoffnung zuwandte, dort Hallen nachweisen zu können, z. B. in Gamla Uppsala. Während noch im Jahr 1993 in Dänemark insgesamt 12 Hallen- und Zentralplatzkomplexe bekannt waren, so sind dies nur zehn Jahre später bereits 40 (Steuer 2007, 878).

Grundlegend für die Diskussion nordeuropäischer Hallen sind Beiträge des schwedischen Archäologen Frands Herschend. Nach seiner Ansicht waren Hallen Teil eines Hofkomplexes, doch statt einer sichtbar praktischen Funktion scheinen sie ausschließlich als Versammlungsraum gedient zu haben (Herschend 1993,182f.). Herausragende Funde und nur wenige, dafür sehr mächtige, dachtragende Pfosten verliehen dem Gebäude einen monumentalen Charakter. Frands Herschend wird eine viel zitierte Definition der Halle verdankt (Herschend 1999, 415):

1) Die Halle ist Teil eines Hofkomplexes.

2) Sie besteht aus einem Raum mit einem Minimum an Pfosten.

3) Sie hat eine besondere Lage innerhalb des Hofkomplexes.

4) Die Feuerstellen wurden nicht für alltägliche Dinge (Kochen, Handwerk) genutzt.

5) Die Funde in der Halle haben einen anderen Charakter als Funde außerhalb des Gebäudes oder in anderen Hofgebäuden.

Erst in jüngerer Zeit haben sich auch andere geisteswissenschaftliche Disziplinen der Hallenforschung zugewandt. Ortsnamensforscher haben darauf hingewiesen, dass sich Hinweise auf Hallen eventuell auch in Hofnamen überliefert haben, beispielsweise im Falle von Uppsala (Brink 1996). Im Rahmen literaturgeschichtlich ausgerichteter Untersuchungen werden nun vermehrt auch übergreifende Deutungen vorgenommen (z. B. Heimer 2009, Svanberg 2005), wobei insbesondere die Heldendichtung des Beowulf als literarische Ausschmückung einer Hallenszene genannt wird (z. B. Hills 1997, Herschend 1997). Erste Vergleiche mit der skandinavischen mittelalterlichen Literatur liegen ebenfalls vor (Lönnroth 1997, Herschend 1997, Meulengracht Sørensen 2003), doch diese stellen in erster Linie literarische Hausdarstellungen zur besseren Einordnung des archäologischen Befundes vor, statt eine mögliche Funktion der Halle ausgehend von den Schriftquellen zu diskutieren. Nicht zuletzt macht sich von archäologischer Seite erneut ein Rückgriff auf die kontinentale Pfalzforschung bemerkbar (Jørgensen 2002, 243f). Insgesamt überwiegen jedoch weiterhin synchrone Einzelstudien.

Die Forschungsgeschichte zeigt deutlich, dass die Hallenforschung bisher vorrangig von archäologischer Seite aus vorangetrieben wurde und andere Untersuchungsansätze bisher nur ansatzweise verfolgt wurden. Das vorliegende Projekt möchte daher auf Grundlage der bereits gewonnenen Erkenntnisse die symbolische Bedeutung der Halle für die frühgeschichtliche Gesellschaft Skandinaviens untersuchen und damit eine Forschungslücke füllen.

Eigene Voruntersuchungen könnten bereits zeigen, dass auffallend viele in jüngerer Zeit untersuchter Hallen niederbrannten (z. B. die im Sommer 2009 entdeckte verbrannte Halle von Uppåkra, Prof. Larsson im September 2009, mündlich). Diese Beobachtung deutet darauf hin, dass eine Halle nicht wie ein bewohnter Hof irgendwann aufgegeben oder verlagert wird, sondern ihre Bedeutung erst mit der totalen Zerstörung durch Feuer verliert. In einem außergewöhnlichen Fall wurde über der verbrannten Halle sogar ein (Grab-?)Hügel errichtet (Högom). Parallel dazu wird auch in den Schriftquellen die Halle auffallend häufig angezündet. Dies ist eine bemerkenswerte Übereinstimmung von archäologischem Befund und den deutlich jüngeren Schriftquellen. Daher ist zu überlegen, welche Motivation zugrunde lag und welche Bedeutung dem Hallenbrand genau zugeschrieben wurde. Viele Heldenlieder zeugen davon, dass die totale Zerstörung des Feindes, die Auslöschung seines Geschlechts, mit dem Verbrennen seiner Feierhalle einher geht (z.B. Atlakviða). Daher zünden die Protagonisten häufig eine Halle an, um Machtansprüche geltend zu machen und die Ohnmacht der Gegner darzustellen (z. B. Hervarar saga ok Heiðreks). Könnte der Halle möglicherweise eine symbolische Funktion als Symbol der Herrschaft zugeschrieben werden?

Hinzu kommt, dass „Haus“ bis heute mehr bezeichnet als ein bloßes Gebäude. Die Redewendungen „Aus gutem Hause kommen“ oder „das Haus Habsburg“ zeigen, dass ein Haus nicht nur als Wohngebäude verstanden wird, sondern zusätzlich eine übergeordnete Bedeutung hat und als Synonym für das in ihm wohnende Geschlecht gesehen werden kann. Während unterschiedliche Behausungen in der Forschung bereits vielfach dokumentiert, untersucht und interpretiert wurden, widmet sich das vorliegende Forschungsvorhaben daher nicht der baulich konkreten, sondern der symbolisch übergeordneten Bedeutung des Hauses. Was unterscheidet die Halle vom einfachen Wohnhaus? Warum spielt gerade sie eine so große Rolle in der mittelalterlichen Literatur? Ist die Halle Wohnhaus oder Monument? Ändert sich ihre Funktion oder wird sie erst für einen bestimmten Zweck errichtet? Selbst das Schicksal der nordischen Götter erfüllt sich in einer Halle, wenn Loki den Hallenfrieden Ägirs bricht, die anwesenden Götter beschimpft und ihnen mit dem Brand der Halle droht. Dies ist der Beginn von Ragnarök, dem Ende der nordischen Götter (Lokasenna).

 

Literatur

Brink 1996: Stefan Brink, Political and social structures in early Scandinavia. A settlement-historical pre-study of the central place. In: Tor 28. S. 235-281.

Christaller 1933: Walter Christaller, Die zentralen Orte in Süddeutschland: Eine ökonomisch-geographische Untersuchung über die Gesetzmäßigkeit der Verbreitung und Entwicklung der Siedlungen mit städtischen Funktionen. Jena 1933.

Fabech 1997: Charlotte Fabech, Slöinge i perspektiv. In: Johan Callmer/Erik Rosengren (Hrsg.), „... Gick Grendel att söka det höga huset ...“ Arkeologiska källor til aristokratiska miljöer i Skandinavien under yngre järnålder. (Seminar Falkenberg 1995). Halmstad 1997. S. 145-160.

Heimer 2009: Olle Heimer, Att bygga aristokrati. In: C. Hadevik, Tematisk rapportering av Citytunnelprojektet. Rapport över arkeologisk slutundersökning. (Rapport/Malmö museer, arkeologienheten;2009,48). Malmö 2009. S. 331-387.

Helgeson 1998: Bertil Helgeson, Vad är centralt? - fenomen och funktion: lokalisering och person. In: Lars Larsson (Hrsg.), Centrala platser, centrala frågor: samhällsstrukturen under järnåldern. En vänbok till Berta Stjernquist. Uppåkrastudier 1. Stockholm 1998. S. 39-45.

Herschend 1993: Frands Herschend, The Origin of the Hall in Southern Scandinavia. In: TOR 1993, H. 25. S. 175-199.

Herschend 1997: Frands Herschend (Hrsg.), Livet i hallen. Tre fallstudier i den yngre järnålderns aristokrati. (= Occasional Papers in Archaeology 14). Uppsala 1997.

Herschend 1999: Frands Herschend, Halle. In: Reallexikon der germanischen Altertumskunde², Band 14, Berlin/New York 1999. S. 414-425.

Hills 1997: Catherine M. Hills, Beowulf and Archaeology. In: Bjork, Robert E.; Niles, John D. (Hrsg.), A Beowulf Handbook, Lincoln 1997. S. 291-310.

Jørgensen 2002: Lars Jørgensen, Kongsgård - kultsted - marked. Overvejelser omkring Tissøkompleksets struktur og funktion. In: Jennbert, K./Andrén, A./Raudvere, C. (Hrsg.), Plats och praxis. Studier av nordisk förkristen ritual. Lund 2002. S. 215-247.

Lönnroth 1997: Lars Lönnroth, Hövdingahallen i Fornnordisk myt och saga. Ett mentalitetshistoriskt bidrag till förståelsen av Slöingefundet. In: Callmer, Johan; Rosengren, Erik (Hrsg.): "...gick Grendel att söka det höga huset..." Arkeologiska källor till aristokratiska miljöer i Skandinavien under yngre järnålder. Seminarium Falkenberg 1995. Halmstad 1997. S. 31-38.

Meulengracht Sørensen 2003: Preben Meulengracht Sørensen, The Hall in Norse Literature. Aus: G. Stamsø Munch / Olav Sverre Johansen / Else Roesdahl (Hrsg.): Borg in Lofoten. A chieftain's farm in North Norway. (=Arkeologisk Skriftserie 1). Trondheim 2003. S. 265-272.

Stamsø Munch/Johansen/Roesdahl 2003: Gerd Stamsø Munch / Olav Sverre Johansen / Else Roesdahl (Hrsg.), Borg in Lofoten. A chieftain's farm in North Norway. (= Arkeologisk Skriftserie 1). Trondheim 2003.

Steuer 2007: Heiko Steuer, Zentralorte. In: Reallexikon der germanischen Altertumskunde², Band 35, Berlin/New York 2007. S. 878-914.

Svanberg 2005: Fredrik Svanberg, House symbolism. In: Tore Artelius (Hrsg.), Dealing with the Dead. Archaeological perspectives on prehistoric Scandinavian burial ritual. (=Riksantikvarieämbetet Arkeologiska undersökningar skrifter 65). Stockholm 2005. S. 73-98.

Østergaard Sørensen 1994: Palle Østerggard Sørensen, Gudmehallerne. Kongeligt byggeri fra jernalderen. In: Nationalmuseets Arbejdsmark 1994. S. 25-39.

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