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Kammergrab und Gräberfeld von Pilgramsdorf/Pielgrzymowo (abgeschlossen)

Dr. Nina Lau

Untersuchungen zu Archivalien, Funden und Grabritus
   

Das Gräberfeld von Pilgramsdorf/Pielgrzymowo mit seinen Befunden der älteren und jüngeren Römischen Kaiserzeit liegt im heutigen Nordostpolen. Zur Zeit der Ausgrabungen zum Ende der 30er Jahre und Anfang der 40er Jahre gehörte der Ort zum südlichen Grenzbezirk des damaligen Ostpreußens. Kurz nach den Ausgrabungen wurden die Befunde in wenigen kleinen Aufsätzen vorgestellt, eine umfassende Publikation erfolgte jedoch vor dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Auf diesen Aufsätzen gründeten zahlreiche archäologische Untersuchungen insbesondere in Bezug auf die hölzerne Grabkammer mit den trotz der Beraubung reichen Beigaben. Grabungsunterlagen und Funde galten nach dem Krieg bis in die 90er Jahre hinein als verschollen. Zusammen mit weiteren Prussia-Archivalien und -Funden aus dem früheren Königsberger Prussia-Museum befindet sich die Grabungsdokumentation nach einer komplizierten Verlagerungsgeschichte heute im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin-Charlottenburg im Prussia-Archiv. Die eigentlichen Funde aus den drei Hügelgräbern und den weiteren Befunden gelten heute als verloren. Schon in der jüngeren vorrömischen Eisenzeit und während der älteren Römischen Kaiserzeit hat innerhalb des Wäldchens östlich von Pilgramsdorf/Pielgrzymowo ein Gräberfeld der Przeworsk-Kultur bestanden, das durch Grabanlagen mit oberirdischen, kreisförmigen Steinkonstruktionen und Brandgruben und Pfostensetzungen gekennzeichnet war.

Hügelgrab III mit Brandgruben

Gräberfelder dieser Art und Belegungsdauer sind charakteristisch für die so genannte regionale Nidzica-Gruppe der Przeworsk-Kultur. Ab der Stufe C2 der jüngeren Römischen Kaiserzeit wurde an dieser Fundstelle eine Hügelgräbergruppe der Wielbark-Kultur angelegt, die bis in die späte Kaiserzeit (Stufe C3/D) bestand. Die Hügelgräber besitzen typische aufwendige Steinkonstruktionen sowie große Erdaufschüttungen. Eine Anlage jüngerkaiserzeitlicher, separierter Hügel der eingewanderten Wielbark-Kultur auf oder am Rande eines älteren, abgebrochenen Gräberfeldes der Przeworsk-Kultur ist ein übliches Phänomen in Nordostpolen.

Trotz der ausgeprägt regionalen Komponente zeigt das in frühgeschichtlicher Zeit beraubte Hügelgrab I mit seiner hölzernen Grabkammer und der reichen Ausstattung aus der späten Stufe C2 einen überregionalen Charakter.

Kammergrab

So sind Elemente der hölzernen Grabkammer, die eine Verbindung aus Blockbau- und Ständerbautechnik zeigt, auch in den weiteren, kaiserzeitlichen Holzkammergräbern des Barbaricum verbreitet. Auch der goldene Kolbenarmring, der einen hohen sozialen Stand seines Trägers kennzeichnet, das reich verzierte Gürtelzubehör und die Glasschale weisen auf weit reichende Beziehungen und Verbindungen hin. Das Grabinventar zeigt in dem hölzernen Trinkservice und dem Spielbrett Symbole einer elitären Lebensweise. Das Grab ist aufgrund seiner Bestattungssitte und der Beigaben eindeutig der Wielbark-Kultur zuzuordnen, weist aber anhand einiger Funde Einflüsse von Seiten der Przeworsk-Kultur auf, was möglicherweise auf ein Weiterleben przeworsker Grabsitten in diesem Gebiet oder einen Austausch mit der weiter südlich siedelnden jüngerkaiserzeitlichen Przeworsk-Kultur hindeutet. Das Hügelgrab I ist durch seinen außergewöhnlichen, sehr aufwendigen Grabbau und den Charakter der Beigaben trotz seiner Beraubung in die Reihe der obersten barbarischen Elitegräber einzureihen.

Die neuen Untersuchungen zum Fundplatz wurden 2012 in Band 11 der Reihe "Studien zur Archäologie und Siedlungsgeschichte der Ostseegebiete" vorgelegt:

 

Nina Lau: Pilgramsdorf / Pielgrzymowo. Ein Fundplatz der römischen Kaiserzeit in Nordmasowien. Eine Studie zu Archivalien, Grabsitten und Fundbestand

 

Pilgramsdorf Cover

 

 

Weitere Publikationen zu diesem Projekt:

N. Lau, Kammergrab und Gräberfeld von Pilgramsdorf (Pielgrzymowo) – Ein Fundplatz zwischen kulturellem Kontext und überregionalen Einflüssen. In: A. Abegg-Wigg/N. Lau (Hrsg.), Kammergräber im Barbaricum – Zu Einflüssen und Übergangsphänomenen von der vorrömischen Eisenzeit bis in die Völkerwanderungszeit. Internationale Tagung, Schleswig, 25.–27. November 2010. Schr. Arch. Landesmus. Ergr. 9 (Neumünster/Hamburg 2014) 199–228.

Kammergräber im Barbaricum