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Jungpaläolithische Knochenindustrien Nordwesteuropas (abgeschlossen)

Markus Wild MA

Vor ungefähr 15.000 Jahren und wenige tausende Jahre nach der initialen Rückbildung des skandinavischen Eisschilds, beginnt im späten Pleniglazial die erstmalige Besiedlung des nördlichen Zentraleuropas durch den anatomisch modernen Menschen (Grimm und Weber, 2008). Gustav Schwantes benannte diese erste Kultur nach Funden von Steinartefakten in der Nähe von Hamburg als Hamburger Kultur (Schwantes, 1932). Annähernd zeitgleich wurde die typologische Verbindung zum Magdalénien – einer paneuropäischen Kultur der älteren Steinzeit (Paläolithikum) – erkannt (vgl. mit „(…) sende ich Ihnen mit einem fröhlichen Pfingstgruß das ‚nordwestdeutsche Magdalénien’ (oha!).“ (Alfred Rust in Schwantes, 1937). Um das genaue Verwandtschaftsverhältnis von Hamburger Kultur und Magdalénien zu verstehen wurden verschiedenste Erklärungen diskutiert: Die Hamburger Kultur als regionale (Rust, 1937) oder saisonale Variante des Magdalénien  (Sturdy, 1975) oder auch als Entwicklung aus dem Magdalénien heraus mit einer Anpassung an eine neue veränderte Umwelt (Djindjian, 1988). Sogar eine reaktionärer Einfluss der Hamburger Kultur auf eine sehr späte Magdalénien-Fazies im Pariser Becken wurde debattiert (Schmider, 1979). Allerdings lag der Fokus der bisherigen Forschung auf einem Vergleich von Typologie, Umwelt und insbesondere auf den Steinindustrien, während andere Methoden nicht annähernd so erschöpfend angewandt wurden.

Das vorliegende Doktorarbeitsprojekt trägt zur zentralen Frage des Verhältnisses von Hamburger Kultur zum zeitgleichen Magdalénien bei, indem die Knochenindustrien (Knochen- und Geweihtypologie- und technologie) der Hamburger Kultur im syn- und diachronen Kontext des Spätmagdalénien charakterisiert werden. Methodisch findet dabei der technologische Ansatz sowie naturwissenschaftliche Methoden Anwendung. Der technologische Ansatz entsprang Überlegungen aus der Ethnographie (vgl. Mauss, 1936; Leroi-Gourhan, 1964) und wurde vor allem in den USA, Skandinavien und Frankreich entwickelt und an paläolithischen Inventaren angewandt. In Frankreich haben reiche faunistische Inventare des Magdalénien zu einer Überführung dieser Methode auf organische (Knochen, Geweih, Dentin, Muscheln etc.) Artefakte geführt (z.B. Averbouh, 2000; Goutas, 2004; Malgarini, 2014; Christensen, 2015). Paris war dabei von Anfang und ist bis heute im Zentrum der Aufmerksamkeit der “technologie osseuse”: Präzise Beschreibungen technologischer Merkmale, unterstützt von Experimenten und Gebrauchsspurenanalysen führen zu einem Verständnis von genauen Aktionen, Bewegungen,  aber auch den allgemeinen Anlagen der ausführenden Personen sowie gemachten Fehlern und Problemlösungen. Damit lassen sich die Fähigkeiten von Personen auf einer individuellen Ebene fassen, während das Wissen grundsätzlich Informationen über die verschiedenen sozialen Gruppen zulässt. Neben dieser unteren und mittleren Betrachtungsebene einer archäologischen Kultur, hilft die Unterscheidung der Schritte in den Operationsketten der Werkzeugherstellung (vgl. chaîne opératoire) sowie die Zusammensetzung der einzelnen Inventare verschiedene Fundstellentypen (z.B. individuelle Jagdplätze, strategische Jagdplätze und Basislager) zu unterscheiden und die Struktur und Organisation der einzelnen Gruppen (Familien vs. Spezialisierte Jäger und Pioniere) auf einer höheren Ebene zu beleuchten. Nahe verwurzelt mit diesem komparativen Ansatz ist das exakte chronologische Wissen über die Fundstellen im Fokus um deren syn- und diachrone Position zueinander zu verstehen und Abläufe zu erkennen. Da einige der bearbeiteten Fundstellen aufgrund von geringen Kollagenwerten nur unzureichend datiert werden konnten (z.B. Verberie) wird eine Beprobungsstrategie Anwendung finden, die Fourier-Transform-Infrarotspektronmetrie (Lebon und al., 2016) und %N-tests (Brock, Higham und Ramsey, 2010) von Mikroproben für eine quantitative und qualitative Bestimmung datierbaren Kollagens enthält. Die vielversprechendsten Proben sollen dann durch verschiedene Vorbehandlungs- und Reinigungsprotokolle (e.g. Bruhn und al., 2001) gereinigt und durch verschiedene Laboratorien (Bruxelles, Kiel, Groningen) datiert werden.

Archaeological cultures at the beginning of the Lateglacial in Northwestern Europe

Verbreitung archäologischer Kulturen zu Beginn des Spätglazials in Nordwesteuropa und wichtige Fundplätze mit organischer Erhaltung

Die wenigen ausgegrabenen hamburgerzeitlichen Fundstellen mit organischer Erhaltung (Meiendorf/D (Rust, 1937), Stellmoor/D (Rust, 1943), Poggenwisch/D (Rust, 1958), Slotseng/DK (Mortensen und al., 2014)) sowie die direktdatierten Einzelfunde (Køge Bugt/DK (Vang Petersen und Johansen, 1991)) stammen aus dem ersten Abschnitt des Spätglazials (GI-1e (Björck und al., 1998)) und datieren zwischen 12,700 und 12,100 v. Chr. (u.a. Fischer und Tauber, 1986; Grimm und Weber, 2008). Sie bilden den zentralen Korpus dieser Studie. Während des angesprochenen Zeitabschnitts besteht das über Europe verbreitete Magdalénien zumeist aus verstreut gelegenen, kleinen Netzwerken. Im Gegensatz dazu ist das Pariser Becken durch eine größere Konzentration von Freilandfundstellen gekennzeichnet, die in einer offenen Landschaft mit einer guten Erhaltung organischer Artefakte aufwarten (vgl. Debout und al., 2012). Damit lässt sich die Situation hervoragend mit der im nördlichen Zentraleuropa vergleichen (Abbildung 1). Die Fundstelle Buisson-Campin (Verberie) (Enloe und Audouze, 2010) wird den Fundstellen der Hamburger Kultur an die Seite gestellt und detailliert studiert. In einem weiteren Schritt sollen weitere Inventare des Pariser Beckens wie Etiolles (Les Coudrays) (Konzentrationen D71 & Q31) und Pincevent (La Grande-Paroisse) (Konzentrationen IV0 & IV20) mit den Resultaten verglichen werden.

Schlussendlich handelt es sich bei dem Ziel des vorliegenden Projekts – der technologischen und funktionalen Charakterisierung der Knochenindustrien der Hamburger Kultur und des zeitgleichen Spätmagdaléniens – um ein essentielles Teil des Puzzles, das zu einem vertieften Wissen über das exakte Verhältnis der beiden Kulturen führen wird. Die Gegenüberstellung dieser Arbeit zu den typo-technologischen Beobachtungen an Steinwerkzeugen (z.B. Pigeot, 1987; Bodu, 1994; Valentin, 1995; Hartz, 2012; Weber, 2012) sowie archäozoologischen Betrachtungen (z.B. Bratlund, 1994; Poplin, 1994; Enloe, 2010, Bignon-Lau, 2014 etc.) wird das Wissen über das sozio-ökonomische Verhalten der Menschen beider Regionen vervielfältigen. Dabei ist die Zielsetzung alle Aspekte des Lebens vorgeschichtlicher Menschen zu beschreiben notwendig um die Normen des alltäglichen Lebens zu verstehen und Unterschiede darin ausmachen zu können. Demzufolge handelt es sich bei dem beschriebenen Projekt um einen wichtigen Baustein auf dem Weg zu einer ganzheitlichen Herangehensweise im Sinne einer ethnologie préhistorique (Leroi-Gourhan 1936). Auf einer diachronen Ebene wird dieser integrierende Ansatz helfen die Reaktionen unserer Vorfahren auf schleichende und abrupte ökologische und soziale Veränderungen am Ende der letzten Eiszeit zu erläutern.

Das Cotutelle de thèse-Projekt ist am ZBSA [Betreuung: Berit V. Eriksen] sowie der Christian-Albrechts-Universität Kiel und der Université Paris 1 – Panthéon-Sorbonne [Betreuung: Marianne Christensen] ansässig.

 

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