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Die Fürstengräber von Lübsow und ihr siedlungsarchäologischer Hintergrund (abgeschlossen)

Dr. Ruth Blankenfeldt

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in der Gemarkung Lübsow, heute Lubieszewo, pow. Gryfice, woj. zachodniopomorskie, Polen, in größeren zeitlichen Abständen insgesamt sechs Gräber entdeckt. Diese Grablegen, von denen jeweils drei an den benachbarten Fundplätzen „Sandberg“ und „Tunnehult“ liegen, sind in das erste („Sandberg“) bzw. zweite („Tunnehult“) nachchristliche Jahrhundert zu datieren. Aufgrund der teilweise rekonstruierbaren Merkmale der Grabkonstruktionen und insbesondere durch das außergewöhnliche Fundgut sind diese Grablegen zweifelsfrei als Ruhestätten eines elitären Personenkreises zu interpretieren. Daher wurde diese Fundstelle auch namengebend für Prunkgräber der älteren Römischen Kaiserzeit in Nord- und Mitteleuropa, die unter der Bezeichnung „Fürstengräber des Lübsow-Typs“ zusammengefasst sind.

In den letzten Jahren fanden intensive Forschungen zu den beiden Fürstengräberfundplätzen „Sandberg“ und „Tunnehult“ durch Prof. Dr. Jan Schuster, Universität Łódź, statt. Die Ergebnisse von modernen Nachgrabungen sowie eine vollständige Vorlage des Fundinventars und ihre archäologisch-historische Analyse sind Inhalt einer umfassenden monographischen Publikation.

Nachdem somit die Bestattungen eine eingehende wissenschaftliche Bearbeitung erfahren haben, stellt ein weiterführender Schritt die Erfassung des älterkaiserzeitlichen Fundstellenmusters in Bezug zu den beiden Fürstengräberfundplätzen dar. Um hierfür eine Datenbasis zu schaffen, werden zukünftig weitere Feldarbeiten mit modernen Dokumentationsmethoden geplant. Dies umfasst neben einer systematischen, großräumigen Probennahme für Phosphatanalysen, geomagnetischen Kartierungen und flächigen Metalldetektoruntersuchungen auch die Befliegung des Areals zur Vermessung der Landschaft mit Airborne Laserscanner-Systemen. Erst durch das Zusammenspiel dieser Analysemethoden wird ermöglicht, Bereiche für zielgerichtete archäologische Ausgrabungen zu definieren.

Tunnehult

Erste Feldforschungen fanden in der Woche vom 20. bis zum 25. September 2010 statt. Zusammen mit Prof. Dr. Jan Schuster sowie 18 Studenten der Universität Łódź wurden umfangreiche Geländebegehungen zwischen den Fundplätzen Lübsow/Sandberg und Lübsow/Tunnehult durchgeführt. Des Weiteren ist der bei Ausgrabungen im Jahr 2006 angeschnittene Grabhügel „Tunnehult 1“ in diesem Zeitraum durch Umschichten der alten Abraumflächen wieder seinem ursprünglichen Zustand angeglichen worden. Die in der Gemarkung Lübsow/Lubieszewo als potentielles Siedlungsareal angesprochene Fläche umfasst ca. 140 Hektar und wurde fast vollständig begangen. Dabei gelang es, in unterschiedlichen Arealen Keramikscherben und Steingeräte zu finden, die als Hinweis auf kaiserzeitliche Siedlungsaktivitäten zu werten sind.

Fortgesetzt wurden die Geländearbeiten in zwei jeweils einwöchigen Feldaktionen im September 2011 und 2012. Beteiligt waren hierbei Mitglieder der "Detektoren AG Schleswig-Holstein" sowie Studenten der Universität Łódź. Letztere erhielten während dieser Kampagnen eine intensive Schulung im Umgang mit dem Metalldetektor durch die ehrenamtlichen deutschen Mitarbeiter, welche neben zusätzlichen Geräten ihre jahrelange Erfahrung zur Verfügung stellten. Über 100 Hektar des als potentielles Siedlungsareal angesprochenen Bereichs zwischen den Gräbern Sandberg und Tunnehult wurden inzwischen mit diesem technischen Hilfsmittel begangen. Detektorgruppe Lübsow 2012

Zeitraffer-Film der Detektorbegehungen 2012 © Daniel Friederichs

Diese Feldbegehungen stellen die ersten zielgerichteten Untersuchungen dieser Art im Umfeld der bekannten Gräber dar. Flächen, die dabei Fundkonzentrationen hervorbrachten, werden bei zukünftigen  Feldforschungen im Mittelpunkt stehen. Zahlreiche Keramik- sowie Schlackefunde in einem eingegrenzten Areal können als erster deutlicher Hinweis auf eine zeitgleich zu den Tunnehult-Gräbern existierende Siedlung interpretiert werden!

Zudem konnten die jüngsten Funde chronologische Lücken schließen, so dass nun eine durchgehende menschliche Aktivität zwischen 500 vor bis 500 nach Christus im Umfeld der Grablegen nachweisbar ist. Die hier neu und alt gefundenen Artefakte belegen ein geographisch weit verzweigtes Kontaktenetz der damals dort ansässigen Bevölkerung. Einen Fund in diesem Zusammenhang stellt ein gut fünf Zentimeter langes Bronzeobjekt dar, welches vermutlich zur Herstellung von edelmetallenen Preßblechen auf Schwertgriffen des 4. Jh. n. Chr. verwendet wurde. Derartige Schwerter sind nur in einem Fall aus Polen, in zahlreichen weiteren Fällen allerdings aus dem skandinavischen Raum bekannt, so bspw. auch aus den Opferplätzen mit Heeresausrüstungen. Bei einem Besuch von Kollegen in Haderslev wurde das Fundstück mit den aus dem Fundplatz Ejsbøl stammenden Beispielen solcher Bleche intensiv diskutiert. 

(Siehe hierzu auch: A. Rau/R.Blankenfeldt/J. Schuster, Production of Scandinavien-Style Hilts on the Southern Baltic coast? In: L. Larsson/F. Ekengren/B. Helgesson/B. Söderberg (ed.), Small Things – Wide Horizons. Studies in honour of Birgitta Hård (Oxford 2015) 191-198.)


  Treffen mit Kollegen in Haderslev zur Besprechung eines Detektorfundes aus Lübsow

 

Bislang ist fraglich, wie sich älterkaiserzeitliche Eliten in den Siedlungen nach außen präsentierten: gab es bspw. andere Hausformen oder Gehöfte, lebten sie in separierten Hofstellen – oder unterschieden sich die Wohnhäuser der höher gestellten Persönlichkeiten, zumindest im für uns heute fassbaren Befund, nicht von den anderen Häusern? Des Weiteren ist unklar, inwiefern sich der Gesamtbefund der mit reichen Grablegen zu verbindenden Siedlungen von den Strukturen anderer Siedlungen unterscheidet und welche Merkmale überhaupt als außergewöhnliche zu bezeichnen sind. 

Um diese und weitere grundlegenden Fragestellungen zu definieren und bereits zu beobachtende Phänomene zusammenzubringen und zu diskutieren, wird ein breiteres Netzwerk von Forschern benötigt, welche sich mit ähnlichen Themenkomplexen befasst. Für fundiertere Aussagen zur Siedlungsstruktur in Lubieszewo/Lübsow wären weitere Feldarbeiten erforderlich, die derzeit allerdings nicht geplant sind.

 


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