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Studien zur frühmittelalterlichen Siedlungslandschaft im Samland/ehemaligen Ostpreußen am Beispiel des Fundplatzes Wiskiauten (Mochovoe)

Annika Sirkin M.A.

Bei der Betrachtung der frühmittelalterlichen Fundstellen des ehemaligen Ostpreußen zeigt sich ein Schwerpunkt im halbinselartigen Samland (Abb. 1), speziell rund um den nördlich gelegenen Fundplatz Wiskiauten, Kreis Fischhausen (heute Mochovoe, oblast Kaliningrad, Russland).

Hollack 1908

 Abb. 1: Vorgeschichtliche Übersichtskarte von Ostpreußen (Hollack 1908).

Seit 1865 die Fundstelle im Wäldchen „Kaup“ bei Wiskiauten als wikingerzeitliches Gräberfeld Eingang in die Literatur fand (Wulff 1865), galt dieses als Ausdruck einer Handelsniederlassung skandinavischer Krieger und Kaufleute. Die außergewöhnlich reichen Beigaben in den über 500 Grabhügeln und vermutlich nochmals ebenso vielen Flachgräbern, häufig eindeutig skandinavischer Machart, ließen schon bald einen großen Seehandelsplatz erwarten, der mit den ports of trade im Ostseeraum wie etwa Birka, Haithabu, Wollin oder Truso/Janów Pomorski vergleichbar wäre. Während die Nekropole nach etwa 150 Jahren Forschungsgeschichte vor allem deutscher, aber auch russischer Archäologen in ihren Grundzügen gut verstanden ist, konnten in der vorkriegszeitlichen Forschung jedoch trotz mehrfacher Versuche (bspw. Nerman 1931; Kleemann 1939) keinerlei Siedlungsspuren im direkten Umfeld der Nekropole nachgewiesen werden. Auch die russische Forschung der Nachkriegszeit lieferte kaum überzeugende Hinweise auf einen Handelsplatz (Kulakov 2005). Erst die jüngeren Untersuchungen aus den gemeinsamen Untersuchungskampagnen des Archäologischen Landesmuseums Schleswig in der Stiftung Schleswig-Holsteinischer Landesmuseen Schloss Gottorf – bzw. seit 2008 dem ZBSA Schleswig – sowie dem Archäologischen Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften Moskau förderten zwischen 2005 und 2011 in Form von Hausgrundrissen, Brunnen, Abfallgruben und Produktionsanlagen zahlreiche Siedlungsspuren zutage, die großräumig im Umfeld des Hügelgräberfeldes verteilt liegen und der gesamten Siedlungskammer eine intensive Nutzung schon ab dem 5. Jahrhundert bis zur Ankunft des Deutschen Ordens bescheinigen (Ibsen 2009; 2011).

Grabungsflächen

Abb. 2: Die Lage der Grabungsflächen unter Leitung von T. Ibsen. Grün: Kampagnen 2005-2007; gelb: Kampagnen 2008-2011 (Foto: Ibsen).

Die ersten Grabungen der Jahre 2005 bis 2008 mit Siedlungsspuren des 5. bis 8. Jahrhunderts und des 11. bis 13. Jahrhunderts konnten bereits in der Dissertation von Timo Ibsen (ebd. 2009) vorgelegt werden und binden das Gräberfeld in einen lokalen siedlungsarchäologischen Kontext ein (Abb. 2). Die jüngsten Untersuchungen der Jahre 2009 bis 2011 sind dagegen lediglich in Vorberichten publiziert. Gerade diese Ausgrabungen aber haben zwei zum Hügelgräberfeld des 9. bis 11. Jahrhunderts zeitgleiche Siedlungskonzentrationen freigelegt, die am ehesten mit den Skandinaviern in Verbindung gebracht werden können.

Die geplante Doktorarbeit von Annika Sirkin versteht sich insofern hauptsächlich als Fortsetzung des von Timo Ibsen initiierten Forschungsprojekts zur Siedlungslandschaft im ehemals ostpreußischen Samland, speziell in der Umgebung des außergewöhnlichen wikingerzeitlichen Gräberfeldes von Wiskiauten. Sie sieht eine umfassende Vorlage und abschließende Auswertung der so wichtigen, während dieser jüngsten Untersuchungen freigelegten Funde und Befunde vor. Ferner sollen Detailstudien, etwa zur Keramik und den Metallobjekten vorgenommen werden. Bei einer zu unterstellenden Funktion als Handelsplatz müssten sich, wie dies bereits aus der von Annika Sirkin vorgelegten Masterarbeit zum frühmittelalterlichen Handel im Samland in der Region um Wiskiauten (Sirkin 2015) ansatzweise sichtbar wird, klare Bezüge zum direkten Umfeld, aber auch zum großräumigen Handelsnetzwerk finden lassen. Demgegenüber grenzen sich peripher zu diesem Netzwerk liegende Siedlungen vermutlich in Bezug auf Siedlungsstruktur und Wirtschaftsweise deutlich von den zentralen Siedlungen ab. Außerdem sollen die Dynamik und die Funktionsweise der Siedlungskammer in einem engen chronologischen Raster rekonstruiert und das Areal in den auf Handelsaktivitäten bezogenen archäologischen Großraum „Südliche Ostseeküste“ eingebunden werden.

Ziel des im Rahmen eines Promotionsstipendiums der Akademie der Wissenschaften und der Literatur (Mainz) im Kontext des Akademievorhabens „Forschungskontinuität und Kontinuitätsforschung – Siedlungsarchäologische Grundlagenforschung zur Eisenzeit im Baltikum“ geförderten Dissertationsvorhabens ist es daher, wichtige Fragen zur inneren Struktur der partiell freigelegten Siedlungen, ihre relative und absolute Chronologie und besonders die Bewertung, ob die Siedlungsspuren im lokalen Milieu verankert oder überregional beeinflusst sind (und somit genau wie das Gräberfeld Hinweise auf skandinavische Siedler liefern), zu beantworten und dementsprechend einer gebührenden Diskussion und Bewertung der internationalen Forschung die Grundlage zu bieten.

 

Literatur:

  • E. Hollack, Erläuterungen zur vorgeschichtliche Übersichtskarte von Ostpreußen (Glogau/Berlin 1908).
  • T. Ibsen, „Etwa hier die Siedlung“. Der frühmittelalterliche Fundplatz Wiskiauten/Mohovoe im Kaliningrader Gebiet im Lichte alter Dokumente und neuer Forschungen (Dissertation Universitat Kiel 2009).
  • T. Ibsen, Ergebnisse 2011. www.wiskiauten.eu -> Ergebnisse 2011 [12.08.2016].
  • O. Kleemann, Ueber die wikingische Siedlung von Wiskiauten und ueber die Tiefs in der Kurischen Nehrung. Altpreußen 4, 1939, 4–14.
  • V. I. Kulakov, Die wikingerzeitliche Siedlung und das Gräberfeld Kaup bei Wiskiauten. Bericht über die Ausgrabungen der Jahre 1956–2004. Offa 59/60, 2002/2003 (2005), 55–78.
  • B. Nerman, Der Handel Gotlands mit dem Gebiet am Kurischen Haff im 11. Jahrhundert. Prussia 29, 1931, 161–173.
  • A. Sirkin, Der frühmittelalterliche Handel im nördlichen Samland (Kaliningrader Gebiet). Eine Untersuchung an Waagen, Gewichten, Münzen, Barren und Hacksilbergegenständen (Masterarbeit Universität Kiel 2015).
  • Wulff, Bericht über die Aufdeckung altpreußischer Begräbnißstätten bei dem zum Gute Bledau gehörigen Vorwerke Wiskiauten im Samlande. Altpreußische Monatsschrift 2, 1865, 641–646.

 

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