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Duvensee reloaded – Neue Forschungen zu mesolithischen Rindenmatten, Feuerstellen und Mikrolithen

Harald Lübke, Karin Göbel, John Meadows

Geoarchäologische Forschungen zur Rekonstruktion einer Paläolandschaft des älteren Mesolithikums in Norddeutschland

Das Duvenseer Moor im Landkreis Herzogtum Lauenburg im südöstlichen Schleswig-Holstein zählt aufgrund seiner hervorragend erhaltenen mesolithischen Wohnplätze zu den bedeutendsten steinzeitlichen Paläolandschaften im nördlichen Europa. Nach der Entdeckung der ersten Fundstellen 1923 und deren archäologischer Untersuchung in den 1920er Jahren durch Gustav Schwantes und Karl Gripp sowie nachfolgend 1946 durch Herrmann Schwabedissen erfolgte die weitere Erforschung der mesolithischen Fundstellen seit den 1960er Jahren durch Klaus Bokelmann.

Historische Karte Duvensee

Ein intensives Prospektions- und Ausgrabungsprogramm führte in den folgenden Jahrzehnten zur Entdeckung weiterer mesolithischer und neolithischer Wohnplätze auf kleinen Inseln oder Halbinseln am westlichen Ufer des damaligen frühholozänen Sees. Der hervorragende Erhaltungszustand mit erhaltenen Lagerplatzstrukturen wie Feuerstellen, spezialisierten Haselnussröststätten, Rindenmatten und Flintschlagkonzentrationen erlaubt eine detaillierte Untersuchung der räumlichen Organisation prähistorischer Jäger/Sammler-Lagerplätze, auch wenn die Fundstellen im Duvenseer Moor vielleicht nur einen sehr spezialisierten temporären Teil im Jahreszyklus der ökonomischen Landnutzung dieser Kulturen repräsentieren.

Mesolithische Wohnplätze im Duvenseer Moor

Diese Untersuchungen, die lange Zeit einen Schwerpunkt der archäologischen Landesforschung des Archäologischen Landesmuseums Schleswig-Holstein bildeten, werden seit 2009 unter Federführung des Zentrums für Baltische und Skandinavische Archäologie in enger Abstimmung mit dem Ausgräber Klaus Bokelmann, dem Archäologischen Landesmuseum und dem Archäologischen Landesamt fortgeführt.

Duvensee Wpl. 11 - Grabungssituation 2001

Eines der Ziele ist eine möglichst umfassende Rekonstruktion der frühholozänen Landschaftsentwicklung des Seegebietes. Dabei steht insbesondere der bereits im Präboreal einsetzende Verlandungsprozess des westlichen Seeufers im Fokus der geoarchäologisch-paläobotanischen Untersuchungen, da sich hier bislang die Mehrzahl der bisher bekannten steinzeitlichen Fundstellen befindet. Die Anlage der mesolithischen Wohnplätze war im starken Maße abhängig vom Zustand des damaligen Seeufers, so dass genaue Kenntnisse über die Verteilung der bereits verlandeten und der offenen Seeflächen von grundsätzlicher Bedeutung für die Beurteilung des lokalen und des regionalen Siedlungsmusters sind.

Duvensee Wpl. 11 - 1997: Röststellen und Rindenmatten

Parallel dazu erfolgte eine Neubearbeitung der vorhandenen Grabungsdokumentationen durch Erfassung der vorhandenen geologischen, paläobotanischen und archäologischen Datenbestände in einem geographischen Informationssystem (GIS). Dazu wurden knapp 700 Planums- und Profilzeichnungen der verschiedenen Ausgrabungen sowie etliche Übersichtspläne eingescannt und systematisch archiviert, so dass zukünftig der Zugriff auf die Grabungsdokumentationen der von Klaus Bokelmann ausgegrabenen Wohnplätze erheblich vereinfacht wird. Auch die Nachbearbeitung und Integration der digital erfassten Pläne in das 3D-GIS-Modell ist für alle Wohnplätze abgeschlossen. Da bei der Untersuchung der ausgegrabenen Fundplätze eine sehr detaillierte Ausgrabungstechnik mit 2 bis maximal 4 cm mächtigen Abträgen und dreidimensionaler Einmessung aller Funde praktiziert wurde, können mit dem vorhandenen Datenbestand sehr detaillierte GIS-basierte 3D-Modelle der einzelnen Wohnplätze erstellt werden. Ein Beispiel dafür sind die von 1975 bis 1978 ausgegrabenen Fundplätze 6 und 7.

Duvensee Wohnplatz 6

Im Zentrum der aktuellen Arbeiten steht aber der von 1996 bis 2001 zuletzt von Klaus Bokelmann untersuchte Wohnplatz 11, bei dem es sich um eine mehrphasig belegte Struktur handelt, die sich aus insgesamt 4 als Haselnussröststätten genutzte Feuerstellen zusammensetzt, deren Umfeld mit mehr als einem Dutzend, mehrfach erneuerten Birkenrindenböden abgedeckt war. Die Rekonstruktion dieser sehr komplexen Struktur in einem 3D-GIS-Modell stellte trotz der sehr detaillierten, in über 120 Grabungsplänen dokumentierten Ausgrabungstechnik in 2 bis maximal 4 cm mächtigen Abträgen eine große Herausforderung dar, da insbesondere im Bereich der Rindenböden die einzelnen Rinden- und zwischen geschalteten Sedimentlagen Mächtigkeiten von wenigen Millimetern hatten. Trotz der zahlreich in die Pläne eingetragen Höhenmesswerte musste die Lage der einzelnen Rindenböden zwischen diesen Werten im 3D-Modell so interpoliert werden, dass sich diese ursprünglich übereinander abgelagerten Schichten im Modell nicht gegenseitig schneiden.

Duvensee Wpl. 11 - 3D-GIS-Modell

Das fertig gestellte Modell des Wohnplatzes steht jetzt für weitere Intrasite-Analysen zur Verfügung, in dem z.B. alle dreidimensional eingemessenen Funde in dieses Modell hinein projiziert und ihre Lage in Bezug zu den durch die verschiedenen Birkenrindenböden angezeigten Belegungsphasen ausgewertet werden können, um so Hinweise auf die Dauer der einzelnen Nutzungszeiträume zu erlagen. Dazu ist mittlerweile die Basisaufnahme aller Artefakte mit Ausnahme der Abschläge und Absplisse erfolgt. Ebenfalls abgeschlossen ist die Detailanalyse der Flintgeräte und der technologisch relevanten Grundformen, für erste vorläufige Kartierungen bereits vorliegen.

Duvensee Wpl. 11 - Digitalisierter Grabungsplan - Arbeitsstand 2010

 

 

Wichtig ist auch für die Ermittlung des exakten Alters und der Nutzungsdauer des Fundplatzes im Rahmen eines bayesisches Chronologiemodells, das im Rahmen des Teilprojektes „Dating Duvensee“ erstellt wurde.

► AMS Projekt zu Duvensee

Weitere Informationen:

ZBSA-Jahresbericht 2010, 34-35

ZBSA-Jahresbericht 2011, 50-51

ZBSA-Jahresbericht 2012, 73

ZBSA-Jahresbericht 2014, 96-97


Artikelaktionen
In Kooperation mit

Archäologie

Dr. Klaus Bokelmann,
Haveholz

Wolfgang Lage,
Mucheln

Dr. Sönke Hartz,
Archäologisches Landesmuseum Schleswig-Holstein

Ingo Clausen,
Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein

Paläobotanik

Dr. Walter Dörfler
Institut für Ur- und Frühgeschichte, CAU Kiel

Geophysik

Dr. Harald Stümpel
Prof. Wolfgang Rabbel
Dr. Dennis Wilken
Ercan Erkul
Institut für Geowissenschaften, CAU Kiel

Dendrochronologie

Dr. Karl-Uwe Heussner
Naturwissenschaftliches Referat
Deutsches Archäologisches Institut, Berlin