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Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie

Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen
Schloss Gottorf
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Giganten der Vorzeit – Burgwälle im ehemaligen Ostpreußen

Trotz einer langen Forschungsgeschichte seit Beginn des 19. Jahrhunderts und ihrer auf mehr als 2000 Stück geschätzten großen Anzahl  gehören Burgwälle, also Befestigungsanlagen aus Erde, Holz und Steinen, zu den am wenigsten verstandenen Denkmälern des Baltikums.

Annähernd 450 dieser teilweise erstaunlich gut erhaltenen Monumente (Abb. 1) sind aus dem ehemaligen Ostpreußen bekannt (Abb. 2). Ihre Erforschung ist Teil eines Projektes mit dem Titel „Forschungskontinuität und Kontinuitätsforschung. Siedlungsarchäologische Grundlagenforschung zur Eisenzeit im Baltikum“.

Fig. 1:  Burgwall von Germau/Russkoe aus der Luft/aerial foto of hillfort of Germau/Russkoe (foto: I. Skhodnov, Kaliningrad Das auf insgesamt 18 Jahre angelegte Vorhaben wird seit 2012 von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz getragen und vom ZBSA in enger Kooperation mit dem Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin durchgeführt. Hauptziel ist die Rekonstruktion des archäologischen Kenntnisstandes zum ehemaligen Ostpreußen vor 1945 auf Grundlage der deutschen Archivbestände der vorkriegszeitlichen Forschung, die sich heute in diversen Museen und Privatarchiven in ganz Europa befinden.  Fig. 2: Karte der Burgwälle in Ostpreußen, mit Angabe des Untersuchungstandes für das Samland/map of hillforts in former East Prussia, with indication of state of research for the Sambian peninsula (chart made by: T. Ibsen, ZBSA)Nach der Digitalisierung werden Dokumente  wissenschaftlich  ausgewertet und in einer projektintern entwickelten Online-Datenbank zusammengeführt. Gleichzeitig werden die Datensätze in Zusammenarbeit mit der GIS-Abteilung des ZBSA auf unterschiedlichen Informationsebenen in einem Geographischen Informationssystem kartiert und für die anschließende Überprüfung der rekonstruierten Fundstellen im Gelände vorbereitet. An ausgewählten, siedlungsarchäologisch relevanten Denkmälern finden dann Feldforschungen statt. Sie sollen Einblicke in die Siedlungsdynamik der baltischen Stämme in der Zeit zwischen 500 vor und 1250 nach Chr. gewähren und Fragen zur vermuteten Siedlungskontinuität zu beantworten.

 

Hier kommen die monumentalen Burgwälle ins Spiel. Direkte Hinweise auf offene Siedlungen sind in den einschlägigen Archiven im Gegensatz zu beispielsweise Gräberfeldern sehr selten. Das Projekt nutzt deswegen die zahlreichen Befestigungsanlagen der Region als Ansatzpunkt für die Erforschung der Siedlungsentwicklung. Sie dürften überwiegend - wenn auch mit speziellen Funktionen wie Herrschersitz, Heiligtum, Fluchtburg oder Speicher für Ernte und Vieh - als Siedlungen fungiert haben oder zumindest ein wichtiger Teil der Siedlungslandschaft gewesen sein. Die architektonische Komplexität der Anlagen erschwert aber generell ihre umfassende Untersuchung. Die teils gewaltigen Hauptwälle von oft bis zu 10 m Höhe und 30-40 m Breite an der Basis mit ebenso mächtigen Gräben, wurden nicht selten zu ganzen Systemen aus mehreren Wällen und Gräben an natürlich geschützten Landzungen oder auch im freien Gelände als Ringwallanlage arrangiert (Abb. 3).

Fig. 3: 3-D-Modell von Kraam/Gracevka/3-D-model oft he hillfort of Kraam/Gracevka (chart made by: I. Skhodnov, Kaliningrad)

Traditionell  können sie nur durch aufwendige, zeit- und personalintensive Wallschnitte an ausgewählten Stellen untersucht werden. Das archäologisch datierbare Fundmaterial beschränkt sich dabei meist auf typologisch unscharfe Keramikfragmente, nur gelegentlich werden einschlägige Metallfunde wie Pfeilspitzen oder sonstige Teile von Waffen und andere datierende Kleinfunde geborgen. Viele der Burgwälle sind bis in die jüngste Vergangenheit mit diversen Umformungen zu unterschiedlichsten Zwecken genutzt worden, weshalb die verschiedenen ursprünglichen Bauphasen heute nur noch schwer differenzierbar sind.

Vorrangiges Ziel der Burgwallforschungen im Rahmen des Projektes ist es, möglichst viele der zahlreichen Anlagen Fig.  4: Bohrungen am Burgwall Kraam/Gracevka im Jahr 2014/drillings at the hillfort of Kraam/Gracevka in 2014 (foto: T. Ibsen, ZBSA) in ausgewählten Mikroregionen in ihren siedlungsarchäologischen Hintergrund einzubinden. Das erfordert einerseits eine entsprechend dichte Datenbasis für die umliegenden Fundstellen, andererseits eine klare, bestenfalls naturwissenschaftlich gestützte Datierung der Burgwälle selbst.
Dafür werden im Rahmen des Projektes die Wälle und Gräben der Befestigungsanlagen mittels Rammkernbohrungen untersucht (Abb. 4). Im Gegensatz zu traditionellen personal-, zeit- und kostenintensiven Wallschnitten sind die fast zerstörungsfreien Bohrungen geeignet, ohne großen Aufwand tiefgehende Informationen zum Schichtenaufbau von Burgwällen und gleichzeitig organische Proben etwa aus Brandschichten (Abb. 5) Fig. 5: Bohrkern mit Brandschicht in 1,5 m Tiefe aus dem Burgwall von Diewens/drilling core with charcoal layer from 1.5 m depth from hillfort Diewens (foto: T. Ibsen, ZBSA)zur ihrer naturwissenschaftlichen Datierung zu gewinnen. Reihen von Bohrungen können bei entsprechend geringen Abständen der Einzelbohrungen sehr schnell einen Überblick über Schichtverläufe über größere Distanzen und dementsprechend unterschiedlichen Bauphasen vermitteln. Die Methode wurde im Mai 2014 an dem bereits in den 1930er Jahren mit zwei Wallschnitten untersuchten großen Ostwall der Burganlage von Apuolė in Litauen mit großem Erfolg getestet. Die Ergebnisse der Bohrprospektion decken sich generell mit den aus den Ausgrabungen der 1930er Jahre gewonnenen Datierungen, welcher der Anlage eine Nutzung im gesamten ersten Jahrtausend nach Chr. bescheinigen (Abb. 6). 

Fig. 6: Grabungsprofil von Apuolė aus den 1930er Jahren mit aktuellen Datierungen (95% Wahrscheinlichkeit)/section through the rampart of Apuolė hillfort from the 1930s, combined with modern datings (all 95% probability) (chart made by: T. Ibsen, ZBSA)

Alle durch die Bohrungen gewonnenen Datierungen liegen im gleichen Zeitraum.
Seither ist die Bohrprospektion an mittlerweile zehn Burgwällen auf der samländischen Halbinsel im Kaliningrader Gebiet Russlands zur Anwendung gekommen (Abb. 7). Sieben der Anlagen konnten erstmals durch jeweils mehrere Fig. 7: Karte des Samlandes mit Kartierung der untersuchten Denkmäler zwischen 2014 und 2017/map of the Sambian peninsula with indication of investigatetd monuments from 2014 to 2017 (chart made by: T. Ibsen, ZBSA) C14-Datierungen zeitlich eingeordnet werden. Die Ergebnisse zeigen tendenziell, dass die traditionell in die Mitte des ersten nachchristlichen Jahrtausends angesetzte Entstehung der Befestigungen um etwa 1000 Jahre früher angesetzt werden muss. Bei vier der sieben untersuchten Anlagen fanden sich im Wallkörper in den untersten Schichten Holzkohlen aus Brandschichten, deren naturwissenschaftliche Datierung eine Entstehung bereits in der späten Bronzezeit und ältere vorrömische Eisenzeit (ca. 800–500 v. Chr.) nahelegt (Abb. 8). Für die jüngere vorrömische Eisenzeit (ca. 500 v. Chr. bis 50 n. Chr.) ergaben sich Datierungshinweise von fünf Burgwällen. Auch in der Römischen Kaiserzeit (ca. 50–375 n. Chr.) und der anschließenden Völkerwanderungszeit (375–800 n. Chr.) sind einige Anlagen weiter genutzt worden.  Für die Wikingerzeit (9.–11. Jh.) fehlt bislang datierbares Probenmaterial aus den Wallprofilen. In die anschließende Phase vor der Eroberung der Region durch den Deutschen Orden und die frühe Ordenszeit (11.–13. Jh)  lassen sich nur noch zwei der Anlagen einordnen.
Durch die neuen Ergebnisse der Bohruntersuchungen an Burgwällen im Rahmen des Projektes, die in den kommenden Jahren systematisch an möglichst vielen Anlagen weitergeführt werden, ändert sich das bisherige Forschungsbild grundlegend. Schon jetzt deutet sich an, dass die Burgwälle in der Region im Ringen um die Kontrolle der Ressourcen und die überregionalen Handelsbeziehungen in den bernsteinreichen, aber metallarmen Landschaften an der südlichen Ostseeküste bereits wesentlich früher eine Rolle spielten, als bislang angenommen.

Fig. 8: Schematische Übersicht über neue Burgwalldatierungen im Kaliningrader Gebiet im Rahmen des Projektes/overview over recent datings of different hillforts in the Kaliningrad Region in the frame oft he prject (chart made by: T. Ibsen, ZBSA)

In zukünftigen Forschungen müssen diese Ergebnisse nun mit der im Gesamtprojekt zu rekonstruierenden zeitlichen und räumlichen Verteilung der umliegenden Fundstellen wie Gräberfeldern, offenen Siedlungen oder Depotfunden verschnitten werden. Erst dann sind Aussagen etwa zur Funktion der Burgwälle und zu den gesellschaftlichen Prozessen möglich, die den Bau von Burganlagen nötig machten.

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